Die „Ich bin noch nicht bereit“ - Ausrede – Warum du nie bereit sein wirst



Wie oft drücken wir uns in unserem Leben vor Situationen, die unser Leben auf das nächste Level bringen könnten. Sei es, dass wir eine Präsentation vor dem Vorstand halten müssten, um den nächsten Karriereschritt zu machen, oder das Gespräch mit der besten Freundin führen sollten, das wir seit Wochen aufschieben. Wie oft habe ich mich in den letzten Jahren dabei ertappt, dass ich Situationen in die Zukunft verschoben habe, weil ich mich „noch nicht soweit“ fühlte.


Die Krux bei der Geschichte ist: Wenn wir daran feilen, bis wir endlich soweit sind, dann werden wir irgendwann feilend auf unserem Sterbebett liegen. Der Text auf unserem Grabstein lautet dann: “Sie feilte ihr Leben lang erfolgreich an ihren Plänen.“

Aber wie sollen wir uns denn bereit fühlen, wenn wir´s noch nicht sind?

Die Antwort hierauf ist simpel. Nicht schön, aber simpel.

Die Antwort auf diese Frage lautet: Gar nicht!

Du wirst dich vor einer Herausforderung in deinem Leben NIE bereit fühlen. Bereit fühlst du dich immer erst HINTERHER. Ja genau. Du hast richtig gelesen ;-) Wenn wir darauf warten, uns vor einer Angst-Situation bereit zu fühlen, dann werden wir ewig warten.

Diese Erkenntnis kann ich mit dir teilen, weil ich die letzten Jahre so oft ins kalte Wasser geworfen wurde, dass ich mittlerweile weiß: Erst NACH der gemeisterten Herausforderung fühlen wir uns bereit.


Als ich im August 2017 im Süden Omans mit dem Flieger landete, hatte ich absolut keine Vorstellung, was in den kommenden Wochen auf mich zukommen würde. Dachte ich doch in meiner völligen Naivität, dass ich in meiner Funktion als Reiseleiterin einen Fahrer gestellt bekommen würde, ein bisschen was über das Land wissen müsste und vor höchstens fünf bis zehn Menschen sprechen würde. So zumindest stellte ich mir meine Tätigkeit vor. Die Realität holte mich schneller ein als gewünscht.

Nach den ersten Tagen im Land der Geschichten von 1001 Nacht, hatte ich ein längeres Gespräch mit meiner Chefin. Wir saßen bei 32 Grad, einem frischgepressten Saft in einer 5-Sterne- Hotelanlage mit Blick aufs Meer und besprachen den Ablauf der kommenden Wochen. Leise dudelten im Hintergrund arabische Liebeslieder, der Wind wehte durch mein Haar und ich fühlte mich völlig tiefenentspannt.

Was mir meine Chefin dann eröffnete, sorgte dafür, dass ich innerhalb weniger Sekunden zurück in die Realität kam und mich an meinem Saft verschluckte.

Meine Chefin erklärte mir, dass ihre Firma acht Touren unterschiedlichen Inhaltes von einer Länge zwischen sechs und acht Stunden anbieten würde. Mein Job wäre es, alle Strecken mit einem Jeep zu fahren, die Gäste währenddessen zu unterhalten, an den entsprechenden Sehenswürdigkeiten auszusteigen und diese Hotspots meinen Gästen zu erklären. Dumm nur, dass es in Salalah (der Stadt, in der ich im Oman arbeitete und lebte), keine Straßennamen gab, sodass ich mir ohne Navigationssystem mit meinem unterirdisch ausgeprägten Orientierungssinn acht Touren nebst je achtstündigen Strecken einprägen musste. Das aber sollte natürlich nicht die ganze Challenge sein. Wer will schon unterfordert werden.

Meine Chefin hatte den Anspruch, dass ich während der acht Stunden nonstop redete. Sprich: acht einstudierte Programme lernen sollte, um diese an den richtigen Örtlichkeiten so spannend wie möglich vorzutragen. Die Zeit von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten sollte ich mit allgemeinen Informationen über Land und Leute auffüllen, sodass keine Redepause entstehen konnte. Gut, dass ich nach 14 Tagen Oman schon sooo viel über das Land wusste, um acht Stunden Touren mit nonstop-Informationen zu füllen... NICHT! ;-) Es kam also dazu, dass ich relativ zeitnah einen GMC extra large ohne Einparkhilfe(Monstertruck für gefühlt 100 Personen) vor die Tür gestellt bekam und die kommenden Tage damit beschäftigt war, die Tour-Strecken mit meinem neuen Auto abzufahren. Nicht schon genug, dass ich geographisch mehr als untalentiert bin, durfte ich innerhalb kürzester Zeit von meinem Ford KA, den ich zuvor in Deutschland fuhr, in einen Geländewagen umsteigen.



Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich die ersten Tage mit dem Auto IRGENDWO IM NIRGENDWO stand. Mich in Salalah zu orientieren, war nicht einfach. Insbesondere deshalb, weil jedes Haus dort für mich gleich aussah.



Nach ca. vier Wochen kam mein großer Tag: Ich fuhr meine erste Tour mit deutschen Urlaubsgästen. Dies hieß für mich, acht Gäste im richtigen Hotel abzuholen, die gebuchte Tour zu fahren und währenddessen möglichst unterhaltsam, durchgängig Infotainment zu liefern. Dabei sollte ich kompetent alle Fragen beantworten und die Gäste am Ende des Tages zufrieden und lebendig wieder ins richtige Hotel zurückfahren.

Die Nacht vor meiner ersten Tour war für mich schlaflos. Mit erhöhtem Puls lag ich im Bett und fuhr in Gedanken die morgige Strecke ab. Allerdings wollte mir nicht mehr so richtig einfallen, wie die Strecke verlief. Allmählich stieg dezente Panik in mir auf, sodass mir abwechselnd heiß und kalt wurde. Wie zum Teufel sollte ich morgen reagieren, wenn die Tour nicht nach Plan verläuft?? Und was sollte ich tun, wenn ich die Fragen meiner Gäste nicht beantworten kann? Je näher der Morgen kam, desto aufgeregter wurde ich. Zumal mir plötzlich auch der Text nicht mehr einfallen wollte.

Geplant war eine Citytour: Das inkludierte die Besichtigung einer Moschee, dann die Fahrt zum Palast des Sultans, anschließend war ein Stopp auf dem traditionellen Weihrauch Souk (Markt) vorgesehen und dann der letzte Halt am historischen Museum Salalah´s.


Als der Morgen anbrach, überkam mich das Verlangen, meine Sachen zu packen und auf direktem Wege das Land zu verlassen. Ich wollte an diesem Tag wirklich alles machen – alles, außer die Tour fahren, die ich heute fahren sollte.

Die Sonne schien bei blauem Himmel und 32 Grad, meine Hände jedoch hatten die Temperatur der Kühlbox, die ich für meine Gäste mit Getränken füllte.

Schweißgebadet vor Angst, kam ich schließlich 20 Minuten später am Hotel an. Dort stellte ich mich den Gästen vor und prüfte, ob ich auch wirklich „die richtigen Gäste“ mit auf die Tour nahm.

Weitere zehn Minuten später saßen acht deutsche Reisegäste still auf meinen Rücksitzen und warteten gespannt darauf, was ich zu erzählen hatte. Das war ich auch 😉Also startete ich mein Programm und fuhr los in Richtung City. Meine Gäste überschüttete ich derweil mit einem Redeschwall. Bis dahin lief alles wie am Schnürchen. Dies sollte sich aber ändern, als ich feststellte, dass ich den Weg zur Moschee vergessen hatte. Da saß ich also, quatschte ohne Punkt und Komma und schwitzte wie verrückt. Derweil suchten meine Augen so unauffällig wie möglich den nächsten Stopp.

Gott sei Dank sind Moscheen nicht die allerkleinsten Gebäude in einer Stadt, sodass ich irgendwann die Spitze eines Minaretts erblickte. (Alhamdulillah = Gott sei Dank ;-)) Mittlerweile konnte man mein T – Shirt garantiert auswringen, aber es musste ja weiter gehen.


In der Moschee verlief alles reibungslos, wobei ich nicht behaupten würde, dass es sich an diesem Tag um meine greatest performance ever handelte. Da ich so sehr damit beschäftigt war, möglichst kompetent zu wirken, mich nicht zu verlaufen und meine Gäste nicht zu verlieren, brachte ich das Gelernte monoton und emotionslos an Mann und Frau. Aber immerhin erinnerte ich mich noch an meinen Text. Das war die Hauptsache. Nachdem ich mich zur Halbzeit der Tour langsam entspannte und meine Hände allmählich wieder Temperatur annahmen, passierte dann das, was ich befürchtet hatte:

Auf der Suche nach einem Parkplatz in der Innenstadt Salalah´s verfuhr ich mich.

Ich hatte weder eine Ahnung, wo ich war, noch wie ich wieder zurück auf „die richtige Straße“ finden würde. Das Blut schoss mir in den Kopf, der Schweiß brach erneut, aber noch heftiger als zuvor aus, und ich hatte gehofft, dass sich einfach nur im nächsten Moment ein Loch im Boden auftäte, sodass ich verschwinden konnte. Dies blieb leider eine Wunschvorstellung. Weiterhin saßen acht Gäste mit mir im Auto und lauschten andächtig meinen Worten. Worte, die ich erst einmal finden musste, weil ich zu diesem Zeitpunkt ja gar keine Ahnung hatte, wo wir uns befanden. Da es das Leben an diesem Tag wirklich wahnsinnig gut mit mir meinte, fand ich mich nebst meinen acht Zuhörern im Wohnviertel der Gastarbeiter wieder. Bengali soweit das Auge reicht. Die Straßen wurden von Meter zu Meter schmaler, und mir in meinem Monster Truck wurde es immer heißer. Also plauderte ich munter darauf los und erzählte meinen Gästen alles, was ich zu diesem Zeitpunkt über Gastarbeiter in Oman wusste. Was noch gar nicht sooo viel war ;-) Währenddessen suchte ich panisch weiter nach „meiner Strecke“. Die Zeit schien im Zeitlupentempo zu vergehen, aber siehe da, nach einem ca. 15-minütigen Ausflug in die Welt der Gastarbeiter, fand ich endlich wieder zurück auf die Straße, die ich kannte. Nach weiteren reibungslos verlaufenden vier Stunden und vielen Fragen meiner Mitfahrer lieferte ich schließlich acht zufriedene Gäste an ihrem Hotel ab und fuhr sodann fertig mit den Nerven, durchgeschwitzt, aber glücklich zurück in meine Wohnung. Alles noch einmal gut gegangen.

Die folgenden Touren wurden von Mal zu Mal besser, ich wurde immer lockerer,und nach mehreren Monaten blühte ich so dermaßen während meiner Touren auf, dass es sich anfühlte, als hätte ich in meinem Leben noch nie etwas anderes gemacht.

Aus dieser Erfahrung zog ich folgende Erkenntnis: Wir fühlen uns immer erst dann bereit, wenn wir uns einer Herausforderung gestellt haben und in Kauf nehmen, dass wir am Anfang unseres Tuns nicht großartig performen. Das heißt: Wir müssen verkraften,dass der erste Podcast den Zuhörern vor Begeisterung noch keine Tränen in die Augen treibt, dass das erste Produkt, das wir auf den Markt bringen wollen, am Anfang noch nicht perfekt ist und dass uns unsere Mitmenschen nicht bereits bei unseren ersten geschäftlichen Versuchen ihr Geld in unserem Vorgarten werfen. Aber woher wollen wir wissen, wozu wir in unserem Leben fähig sind, wenn wir uns nicht trauen, erst einmal schlecht oder mittelmäßig zu performen? Erst durch meine Zeit als Reiseleiterin fand ich heraus, dass ich es liebe, vor Menschen zu sprechen, Menschen zu begeistern und sie zum Lachen und Nachdenken zu bringen.

Liebe Grüße. Deine Nina <3

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